Besuch bei Henriette, Olaf und Stracciatella
Kuhglocken hängen von der Decke, alte Bulldogs stehen aufgereiht im Halbkreis, die Wände sind im Voralpenstil bemalt. Mittendrin eine lange Tafel aus Tischen und Bänken, liebevoll eingedeckt, ein Strauß Sonnenblumen steht in der Ecke. Es duftet nach frischem Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Die sonst so nüchterne Maschinenhalle auf dem Erlebnisbauernhof der Familie Berchtold in Unering wurde an diesem Tag zum gemütlichen Treffpunkt für Demenzkranke und deren Angehörige.
Demenz – eine Krankheit, von der mehr Menschen betroffen sind, als die meisten denken.
Und ein paar Stunden Auszeit für diese Betroffenen und deren pflegende Angehörige – darum geht es auf dem Hof von Brigitte und Georg Berchtold. Viele der Teilnehmenden wussten vorher nicht, dass es „so etwas Schönes bei uns im Landkreis gibt“. Erst durch die Ankündigung für die Demenzwoche wurden sie auf das Angebot aufmerksam. Einer der Senioren frägt, wer die Traktoren so schön putzt und wie alt die sind? „Der älteste ist Baujahr 1949“, erzählt Georg Berchtold.
Das Eis ist schnell gebrochen, die Gespräche nehmen in der entspannten Atmosphäre schnell Fahrt auf. Getreidesorten, Klimawandel, Mutterkuh-Haltung, EU-Regelungen und und und.
Das Interesse ist groß an der Landwirtschaft. Nach einer Stunde geht es nach draußen, die Sonne kommt durch. Hinter der Scheune warten, in einiger Entfernung, die Kühe auf der Weide. „Ein reiner Mutterkuhbetrieb“, erklärt Brigitte Berchtold. „Die Mutterkühe säugen ihre Kälber und werden nicht gemolken.“ Brigitte ruft nach ihnen: „Stracciatella, Herzi …“ und schon setzt sich die Herde in Bewegung.
Jetzt ist für die Gäste Füttern angesagt. Kaum sind die Mägen voll, geht es weiter zu den Hasen und Meerschweinchen.
Kurze Zeit später sitzen fünf Damen und Herren auf Stühlen im Garten, jeweils ein Meerschweinchen auf dem Schoß, mit so wohlklingenden Namen wie Gisela oder Henriette. Streichelnde und Gestreichelte genießen die Sonne, die Ruhe. Nur kurz wird es unruhig, als Hase Olaf ausgebüxt ist. Nach einer Abschlussrunde durch den Stall geht es zurück in die Maschinenhalle.
Rund 3 Stunden sind inzwischen vergangen. 3 Stunden fernab von Hektik, Alltag und Lärm. „Vor allem die Erinnerungen, die Gerüche und die Tiere sind es, die vielen helfen, sich an die eigene junge Zeit zurück zu erinnern“, beschreibt es Brigitte Berchtold und erklärt damit auch, warum ihr die Demenz-Auszeit ein echtes Herzensprojekt ist.
Seit 15 Jahren führen die Berchtolds ihren Hof als Erlebnisbauernhof, seit 3 Jahren zusätzlich als Auszeithof.
Hohe Dunkelziffer
In Bayern gibt es aktuell rund 270.000 Menschen über 65 Jahre, die an Demenz erkrankt sind. Bis zum Jahr 2030 rechnen Experten mit einer weiteren Zunahme um rund 30.000. Für das Jahr 2040 lautet die Prognose: 380.000 Demenzkranke in Bayern. Aber das sind nur die offiziellen Zahlen. Nach dem Demenz keine meldepflichtige Krankheit ist, ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. „Genaue Zahlen für die Landkreise fehlen. Je nach Berechnungsmodell ist aktuell von etwa 3.500 bis 4.000 auszugehen“, erklärt Bettina Hartwanger von der Fachstelle für Senioren im Landratsamt. Der Gesundheitsreport des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit weist für das Jahr 2021 für den Landkreis Starnberg 3.100 demenziell Erkrankte aus.
Was ist Demenz?
Durch eine demenzielle Erkrankung verschlechtert sich zunehmend die geistige Leistungsfähigkeit, das heißt Gedächtnis, Denkvermögen, Orientierung, Auffassungsgabe, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen im Sinne der Fähigkeit zur Entscheidung lassen nach.
Demenzerkrankungen sind bisher nicht heilbar. Rund zwei Drittel der Betroffenen sind an einer Alzheimer-Demenz erkrankt. Sie ist die am häufigsten vorkommende Form einer demenziellen Erkrankung. Die Alzheimer-Krankheit setzt meist schleichend ein und verläuft oft eine Weile unbemerkt. Die zweithäufigste Ursache sind Durchblutungsstörungen des Gehirns. Vor allem im hohen Alter können auch beide Formen gleichzeitig vorliegen. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Krankheiten, die mit einer demenziellen Symptomatik einhergehen können, etwa Infektionen, Schädel-Hirn-Verletzungen oder Alkoholmissbrauch. Je nach Grundkrankheit können solche Demenzerkrankungen im Einzelfall auch heilbar sein.
In den Betroffenen löst die Diagnose Demenz häufig die Angst aus, die Selbstständigkeit zu verlieren. Häufig unterstützen Angehörige deren Alltagsbewältigung und übernehmen die Verantwortung für die Betreuung und Pflege des Familienmitglieds. Das ist auf Dauer für viele Angehörige eine enorme psychische und körperliche Belastung.
Für allen Fragen rund um das Thema Pflege steht der Pflegestützpunkt Starnberg gerne zur Verfügung. Das Beratungsangebot ist neutral, unabhängig und kostenfrei. Einen Überblick über alle Leistungen, hilfreiche Links und eine Vielzahl von Informationen sind online unter www.lk-starnberg.de/pflegestuetzpunkt zu finden.
